20.6.14 18:20, kommentieren

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Die Schaukel

Als ich ein Kind war, hatte mein Cousin eine Schaukel. Und über einen viel zu langen Zeitraum, als dass ich ihn hier verraten könnte, ohne mich dumm zu fühlen, war ich mir sicher, wenn man nur hoch genug schaukeln könnte, könnte man mit den Zehenspitzen den Himmel berühren. Deshalb schaukelten wir, und trieben uns gegenseitig immer weiter an, immer höher, immer lauter und immer schneller. Aber die Wahrheit ist, und es ist nur die Wahrheit und vermutlich keine Überraschung - dass wir den Himmel nie erreichten. Manchmal aber glaube ich, ihm näher zu sein und ich fühle mich schwerelos, kurz davor, die Ewigkeit zu sehen. Und dann gibt es Tage, an denen ich mich nicht an der Schaukel halten kann. Ich rutsche ab und spüre, wie meine Hände die Seile nicht mehr halten können. Und dann falle ich.

Der Aufprall ist nicht das Schlimmste. Nein, es ist der Moment, kurz bevor man den Boden berührt, weil es die Unausweichlichkeit und gleichzeitig Machtlosigkeit ist, die einen lähmt. Man weiß, der Schmerz wird kommen. Man weiß, man hätte sich besser festhalten sollen. Man weiß, dass die Mutter einen davor gewarnt hat - wieder und wieder. Und trotzdem schaukelt man, höher und höher, weil man insgeheim glaubt, man wäre gewachsen und jetzt groß genug, immer noch hofft, es jetzt endlich zu schaffen. Und dennoch fällt man.

20.6.14 18:07, kommentieren